Das Ehrlichkeitsyndrom

Ich döste so vor mich hin und bin dann erschrocken aufgewacht. Eine Epidemie hat die Menschheit erfasst und Verheerendes angerichtet. Das Syndrom hatte sich plötzlich und über Nacht ausgebreitet.

Als ich darüber nachdachte und es beschreiben wollte, beschränkte ich die Folgen nur auf Deutschland. Ich wollte die Sache doch nur kurz umreißen und nicht ein ganzes Buch schreiben.

Die Symptome der neuen Krankheit bestanden darin, dass es den Menschen nicht mehr möglich war zu lügen. Gewohnheitsgemäß versuchten es einige Menschen noch immer mit äußerster Kraft, aber es wollte nicht gelingen. So nahmen die Katastrophen ihren Lauf.

Es begann damit, dass Millionen Menschen ihre Steuererklärungen berichtigten. Die Steuerbehörden konnten sich vor eingehenden Überweisungen kaum noch retten. Zuerst versuchten sie noch, die Gelder zu erfassen, gaben dies aber nach kurzer Zeit wieder auf. Alle waren ja ehrlich, und das Geld musste nur noch gezählt werden.

Ein großes Durcheinander entstand bei den Produzenten, bei Kleinunternehmern und Großkonzernen gleichermaßen. Keiner wusste so recht, wie hoch seine Gewinnmarge sein könnte. Man konnte ja nicht unehrlich sein. Man einigte sich aber schnell auf zehn Prozent, davon drei Prozent Gewinn. Das sollte auch für neue Investitionen reichen. In der Folge sanken für die Verbraucher natürlich fast alle Preise.

Bekannte Künstler und Pseudostars weinten vor der Kamera und bedauerten ihr raffsüchtiges Leben. Dabei gaben sie Millionen von Euro an eine staatlich eingerichtete Erfassungsstelle zurück.

Besonders hart traf es Immobilienmakler und Anwälte. Sie wurden regelrecht wahnsinnig, weil sie ihr bisheriges Leben und den Betrug an ihren Mitmenschen nicht begreifen konnten. Wieder wurde die Erfassungsstelle mit Geld gefüllt.

Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen bekamen Überweisungen von Lieferanten technischer Geräte und Ausrüstungen, die ihre bisher überhöhten Preise plötzlich wieder auf ein der Produktion angepasstes Maß reduzierten. Dadurch gehörten teure und unnötige Operationen an Patienten der Vergangenheit an.

Ganz schlimm traf es die staatlichen Behörden. Alles, was mit Kontrolle oder der Ausgabe von Richtlinien zu tun hatte, war nun unnötig. Alle Bürger waren ja ehrlich, keiner tat etwas, das er für verboten oder unmoralisch hielt. Daraus ergab sich allerdings ein Problem: Die Vielzahl der staatlich Angestellten war für eine ordentliche produktive Arbeit nicht zu gebrauchen. Es fehlten die spezifischen Kenntnisse für eine solche Tätigkeit. Nur zum Teil konnten sie für leichte Reinigungsaufgaben und Hilfsarbeiten im Haushalt vermittelt werden.

Gravierend war der Umschwung in der Justiz. Nach und nach konnten Häftlinge aus den Vollzugsanstalten entlassen werden. Von ihnen ging nun keine Gefahr mehr aus. Das Ehrlichkeitssyndrom hatte ganze Arbeit geleistet. Richter und Staatsanwälte hatten jetzt Zeit, ihre Memoiren zu schreiben und sich neue Tätigkeitsfelder zu erschließen. Meine Lieblingsnichte, sie war Protokollschreiberin bei den Verhandlungen, konnte sich nun ihren privaten Hobbys widmen.

Ganz schwierig wurde es mit der deutschen Regierung. Fast alle Gewählten traten zurück. Mit dem Ehrlichkeit Syndrom im Kopf fehlte ihnen die Motivation zur Führung einer Nation. Jetzt zeigte sich, dass mit der Ehrlichkeit auch eine Bescheidenheit verbunden war. Keiner der bekannten Größen in der Nation wollte sich zur Wahl stellen. Hinzu kam, dass im Deutschen Bundestag nur noch 35 Abgeordnete zur Verfügung standen. Der Rest hatte wegen eigener Gewissensbisse freiwillig den Bundestag verlassen. Verzweifelt beschloss der Rest Bundestag, erst einmal provisorisch eine KI als Staatsleitung einzusetzen. Zur Aufgabenstellung über einen Prompt wurden einige namhafte Wissenschaftler herangezogen.

Ja, soweit hier nun meine dösigen Gedanken.

Nun muss man natürlich wissen, dass die Lüge eine der Triebfedern der menschlichen Zivilisation ist. Ehrliche Urmenschen hätten keinen Grund gehabt, sich zivilisatorisch weiterzuentwickeln. Es war ja alles in Ordnung. Alles verdanken wir heute der Lüge, sei es die Religion, die Kunst, der Machtanspruch einzelner Menschen und verschiedener Gruppen sowie die daraus folgenden Kriege.

Lüge und Heuchelei, so kann man sagen, sind für die heutige Zivilisation staatstragend.

11.02.2026

 

"Die Werbung stahl die Gefühle und lenkte sie von ihren wahren Objekten ab"

Arne Dahl,

Zitat aus “Böses Blut”, ein Kriminalroman.

Ich las den Roman im Krankenhaus. Die Handung spielt allerdings in Schweden und der zitierte Text bezieht sich auch auf Schweden. Aber vom Sinn her trifft das Gesagte auch auf Deutschland zu. 

Neidvoll fand ich den Text so gut formuliert, das ich nicht umhin konnte, ihn zu kopieren.

Der unvermeidliche Zusammenbruch war eigentlich nur eine Fortsetzung des totalen und zielbewußt herbeigeführten Kollapses jeglicher politischen Führung durch die launischen Winde des elektronisch beflügelten Kapitals. Alle mußten für den Knall bezahlen – nur die Unternehmen nicht. Während sich das Land am Rande des Konkurses bewegte, maximierten die Großunternehmen des Landes ihre Gewinne. Die Finanzierung wurde den Privatleuten aufgebürdet, was zu Lasten des Gesundheitswesens, des Bildungswesens, der Kultur ging – zu Lasten alles auf lange Sicht Unabdingbaren. Die kleinste Andeutung, daß die Unternehmen sich vielleicht ganz, ganz minimal daran beteiligen sollten, den Schaden zu bezahlen, den sie angerichtet hatten, rief einstimmige Drohungen hervor, ins Ausland abzuwandern. Die Bevölkerung wurde unisono dazu gezwungen, an Finanzprobleme zu denken. Die schwedische Volksseele wurde von allen Seiten bis zum Bersten mit finanziellen Überlegungen angefüllt, bis nur noch sehr, sehr kleine Räume zu füllen blieben – und darin fand sich meistens nichts anderes als Lotterien, Wetten und Scheißunterhaltung im Fernsehen. Die Liebe wurde durch idealisierte Soaps auf der einen und Kabelfernseh-Porno auf der anderen Seite ersetzt, der Hunger nach einer Form von Geistigkeit wurde mit schnell verpackten New-Age-Lösungen gesättigt, alle Musik, die die Öffentlichkeit erreichte, war maßgeschneidert für den Verkauf, die Medien stahlen die Sprache und machten sich selbst zur Norm, die Werbung stahl die Gefühle und lenkte sie von ihren wahren Objekten ab, der Drogenmißbrauch nahm kräftig zu. Die neunziger Jahre waren für das Kapital ein Probelauf für eine Zukunft, in der Horden von Langzeitarbeitslosen in Schach gehalten werden mußten, damit sie nicht auf die Barrikaden gingen. Betäubende Unterhaltung, Drogen, die die Pflege erübrigen, ethnische Konflikte, um den Zorn in eine andere Richtung zu lenken, Genmanipulation, um zukünftigen Pflegebedarf zu minimieren, ein Ausrichten aller Kräfte auf den allmonatlichen Balanceakt des eigenen Überlebens – bedurfte es noch weiterer Druckmittel, um die durch Jahrtausende entwickelte menschliche Seele zu ruinieren? Gab es noch irgendwo gefährliches Terrain, wo ein freies, kreatives und kritisches Denken aufgehalten und umgelenkt werden konnte, bevor es Blüten trieb?