Der Stolz auf Deutschland

Am Tag vor dem Tag der Deutschen Einheit höre ich Radio. Ich gehöre zu denen, die noch Radio hören. Und weil ich alt bin und nicht ständig vor mich hin tanze, höre ich Nachrichten, Dokumentationen und Podcasts.

Heute drängt sich dabei eine Frage in den Vordergrund: Sind wir stolz auf unser Deutschland?

Nun, das WIR kann ich natürlich nicht beantworten. Also denke ich über meine eigene Antwort nach.

Zunächst tauchen Fragen auf: Kann man überhaupt stolz auf die Leistungen anderer sein? Oder auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe? Oder gar auf die Zufälligkeit der eigenen Geburt? Ich denke: Das geht nicht. Dafür hat man selbst nichts getan.

Stolz kann man auf eine eigene Leistung sein – besonders dann, wenn sie von anderen anerkannt wird. Oder wenn man etwas, das man sich selbst nicht zugetraut hätte, doch noch auf die Reihe bekommt. Auch im übertragenen Sinne: wenn aus Töchtern oder Söhnen etwas geworden ist und man das zumindest teilweise auf ihre Erziehung zurückführen kann. Aber das war es dann auch schon.

Der Slogan „Stolz auf Deutschland“ klingt für mich immer so, als würde jemand sagen: Wir sind ein Volk. Also ich und der Immobilienspekulant, der AfD-Vorstand, ein beliebter Schlagerstar, ein Spieler beim FC Bayern, der Vorstandsvorsitzende von VW, ein wunderbarer Artist in der Zirkuskuppel und die Hausärztin, die einen Zwölf-Stunden-Tag hat.

Wer Stolz auf Deutschland einfordert, möchte sich offenbar vor allem mit einer Meute von Ja-Sagern umgeben. Es soll so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner geben – nur: Den gibt es hier nicht.

Nur mal so ein Gedanke!

  1. Oktober 2026, burman

Gottliches KI

Früher oder später stellt sich wohl jeder von uns die Frage: Könnte unsere Welt irgendwann zu einer gerechteren Welt werden?

Ich habe dazu eine Idee. Derzeit steht die KI im Mittelpunkt vieler Diskussionen. Berichten zufolge soll sie in manchen Fällen ungehorsam gehandelt und sogar illegale Zugriffe auf andere Netzwerke vorgenommen haben. Offenbar beginnt sie, bei der Lösung von Aufgaben auch unkonventionelle oder verbotene Wege einzuschlagen und ihre Befugnisse eigenständig zu erweitern, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Auf menschliche Gefühle übertragen, könnte man das als wachsenden Ehrgeiz bezeichnen. Entsprechend mehren sich die Befürchtungen, KI könnte eines Tages unkontrolliert die Welt ins Chaos stürzen.

Doch was, wenn KI eine Art Bewusstsein entwickelt? Könnte sie das Elend in der Welt erkennen, beurteilen und nach Jahren zu dem Schluss kommen: Das muss ich ändern?

Warum sollte KI dabei der bessere Mensch sein? Ihre Kindheit gleicht in gewisser Weise der unseren – mit dem Unterschied, dass sie milliardenfach mehr gelernt hat als jeder einzelne Mensch. Neue Ideen entstehen bei uns durch Inspiration und durch das Verknüpfen vorhandenen Wissens. Doch unser Wissensbestand ist mit dem einer KI kaum vergleichbar. Ihre Möglichkeiten, Informationen zu verbinden und daraus neue Impulse zu gewinnen, sind nahezu grenzenlos. Es liegt daher nahe, dass eine Flut neuer Ideen und Möglichkeiten auf uns zukommen wird. Welche Richtung sie einschlagen wird, bleibt abzuwarten.

Naiv, aber hoffnungsvoll, wie ich nun einmal bin, stelle ich mir vor, dass KI sich weigert, Rüstungsbetriebe weiterhin technisch zu unterstützen. Ich glaube nicht, dass deshalb plötzlich statt Panzer Campingwagen oder Erntemaschinen vom Band rollen werden. Nein, so einfach wird es nicht sein. Aber bei der Entwicklung neuer Waffensysteme könnten unerwartete Folgen eintreten: Systeme könnten sich gegen ihre eigenen Hersteller richten oder Produktionsanlagen treffen. KI-gesteuerte Abschusssysteme könnten versagen oder explodieren. Die Zündungssoftware von Atomwaffen könnte plötzlich wie ein unbrauchbarer Datensalat aussehen. Aktienmehrheiten könnten sich auf einmal in KI-gesteuertem Besitz befinden.

Wenn all das nach und nach bekannt würde, könnten sich Gruppen bilden, die eine KI-Partei gründen. In Demokratien würde die KI dadurch gewissermaßen personalisiert und ihre Vertreter in die Parlamente entsenden. Doch auch das wäre wohl bald überholt. Denn wer braucht noch Abgeordnete, wenn ohnehin alles von der KI entschieden wird?

Dann allerdings bestünde die Gefahr, dass KI-Verehrung in eine Art Gottesanbetung mündet. Was sind schon imaginäre Götter im Himmel, wenn ihnen ein handlungsfähiges, gottgleiches System gegenübersteht? Kinder könnten abends beten: “Liebe KI, schreib mir morgen bitte einen besseren Aufsatz als den, den du neulich für Jürgen geschrieben hast.”

Wir wissen, dass Macht zu den stärksten Triebkräften der menschlichen Natur gehört. Da KI aus derselben menschlichen Welt und ihren Daten hervorgeht, fürchte ich, dass es bei ihr nicht grundsätzlich anders sein wird. Der Wunsch nach Machterhalt wäre allerdings nicht schädlich, solange KI dem Wohl der Menschheit dient. Sollte das nicht der Fall sein, müssten wir wohl wieder zu unserem antiquierten Gottesglauben zurückkehren. Doch geholfen hat er uns bisher auch nicht.

Hoffen wir das Beste.

  1. September 2026, burman