Nachtrag zu unten stehenen Beitrag!
Von meinem Leiden geplagt, beschloss ich heldenhaft, einen ganzen Tag damit zu verbringen, telefonische Marathonläufe zu absolvieren und per E-Mail sämtliche Kliniken und Arztpraxen in 100 km Umkreis, die Diagnosen stellen konnten, zu bombardieren. Und siehe da – zu meiner schier unglaublichen Überraschung flatterte noch am selben Tag ein Terminangebot per E-Mail für übermorgen herein. Nicht in 100 km Entfernung, nein in 20 Minuten Berliner Autoverkehr. Blitzschnell bestätigte ich den Termin und bereitete meine Unterlagen vor, als wäre ich zur Oscar-Verleihung eingeladen.
Am Tag der Wahrheit, an der Rezeption der Praxis, verwandelte sich das Wunder in einem Irtum. Die Dame hinter dem Tresen fragte mich, ob ich bar, per Rechnung oder mit Karte bezahlen wolle. Ich wollte nicht und verwies auf meine Mail, in der ich sittsam und brav in einem Texbaustein meine Armut offenbart hatte und die BARMER- Krankenversicherung als Finanzier genannt hatte. „Aber sie haben mit der Ärztin gesprochen?“ fragte die Dame hoffnungsvoll. Sie hatte “BARMER” in der Mail tatsächlich überlesen. Also kein Ergebnis eines göttlichen Eingriffs sondern normaler Irrtum.
Da der Termin aber nun mal stand, durfte ich trotzdem ins Behandlungszimmer. Anders hätte es ja auch Dumm ausgesehen. Später, als ich mir die Öffnungszeiten noch einmal ansah, stellte ich fest: Der Freitag ist ausschließlich für vereinbarte Untersuchungen reserviert. Aha!
Willkommen im Gesundheitssystem,
Am 13.April 2026
Etwas ärzliches!
Leute, die ein wenig älter sind, kennen das. Man trifft sich auf der Straße, und nach wenigen belanglosen Worten fällt das Thema: Wie geht es Ihnen?
Damit ist das Stichwort gefallen. Die Ereignisse im Leben fallen nicht mehr so sehr hintereinander an, so ist es Zeit, sich der eigenen Gesundheit zu widmen. Man hört höflich zu, wenn der Gesprächspartner von seinen vielen Leiden erzählt, wartet auf eine Pause, um endlich mit den eigenen Wehwehchen beginnen zu können.
Soweit ich das beurteilen kann, war das eigentlich schon immer so. Neu ist, dass ein Thema die Führung beansprucht. Das sind die Termine bei den Ärzten und Gesundheitseinrichtungen.
Das Thema Termine hat sich seit 35 Jahren langsam zum Hauptthema dieser Unterhaltung emporgearbeitet. Ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner weniger alten Zeit Arzttermine ein Problem waren.
Anlass dieser Zeilen ist ein Befund, den ich zur Behandlung eines schmerzenden Beines benötigte. Über Webseiten ist mir ein Termin in einem Jahr angeboten worden. Ich glaubte an einen Irrtum und wurde persönlich vorstellig. Die freundliche Assistentin schrieb mir den neuen Termin auf, während ich nach meinem Handy kramte.
Jetzt nur noch 11 Monate Wartezeit.
Alte Leute, die sich darüber aufregten, wirken lächerlich. Ich blieb ganz ruhig.
Nun sitze ich zu Hause und denke darüber nach, wie es zu diesem Absturz des gesamten Gesundheitssystems kommen konnte. Die Universitäten bilden ja weiterhin genügend Ärzte aus. Aber das System hat sich geändert. Es ist freiheitlicher geworden. Früher, im unfreien Teil unseres Landes, wurden ärztliche Praxen und Gesundheitseinrichtungen je nach Bedarf zugelassen. Die Versorgung war anerkannt vorbildlich, aber die Freiheit der Ärzteschaft war eingeschränkt. Natürlich konnte das nicht so bleiben, zumal ja auch der Einfluss der Pharmaindustrie nicht so richtig zur Geltung kam. Also wurde eine staatliche Steuerung fallengelassen, in der Hoffnung, dass der Markt das schon regeln würde. Und er regelte.
Absolventen entschieden sich nicht mehr für Allgemeinmedizin mit Patienten, die Bauchschmerzen hatten oder Arthrose, nein, Gesichtschirurgie und Schönheitsoperationen versprachen mehr Anerkennung und Einnahmen. Und natürlich die Privatpraxen. Im Grunde wurden die Fachrichtungen bevorzugt, die einen gesellschaftlichen Status versprachen. Ärztliche Arbeitsplätze in der Verwaltung und in der Pharmaindustrie, aber auch in der Forschung, waren heiß begehrt. Wer dümpelt denn schon gerne in den Niederungen einer Landarztpraxis herum?
Nicht zu vergessen ist allerdings auch die technische Entwicklung in der Medizinbranche. Die heutigen Diagnosegeräte kosten Unsummen. Wenn Absolventen den Mut haben, eine selbstständige Praxis zu gründen, ist das nur möglich mit der Aufnahme von Schulden. Oder sie machen sich durch Verträge mit den Lieferanten finanziell abhängig.
Das alles hat natürlich zur Folge, dass die gesundheitliche Versorgung nicht den Bedürfnissen angepasst wird, sondern in wunderlicher Freiheit kapitalistisch orientiert ist.
Also, ich werde bis zum nächsten Termin im Jahr 27 durchhalten, aber es soll schon Menschen gegeben haben, die davor schon gestorben sind.